Chaussee der Enthusiasten



Die schönsten Schriftsteller Berlins erzählen was

Stephan ZeisigRobert NaumannDanBohniVolker StrübingJochen Schmidt

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Stephans Tour-de-France-Kolumne
Stephans Erasmus-Tagebuch
Stephans taz-Kolumnen




Stirb langsam II
(Die Rückkehr des Praktikanten - ein Tagebuch)
Die List

List setzt eine versteckte Absicht voraus und steht also der geraden, schlichten, das heißt unmittelbaren Handlungsweise entgegen, so wie der Witz dem unmittelbaren Beweise entgegensteht.

...


Je schwächer aber die Kräfte werden, welche der strategischen Führung unterworfen sind, um so zugänglicher wird diese der List sein, so daß dem ganz Schwachen und Kleinen, für den keine Vorsicht, keine Weisheit mehr ausreicht, auf dem Punkt, wo ihn alle Kunst zu verlassen scheint, die List sich als die letzte Hilfe desselben anbietet.

(Aus: Vom Kriege, Carl von Clausewitz)
Pferd aus Holz
Was nur wenige wissen: Auf das trojanische Pferd hatte der listige Odysseus geschrieben:
Griechen sind voll uncool

Montag, 16. August 04

In jeder Pause muss man sich als Praktikant entscheiden, auf welche Seite man sich schlägt. Stellt man sich neben den aufsehenden Lehrer oder zu einer Gruppe Schüler. Ich hab mir immer Schüler gesucht, auch wenn sich diese gar nicht mit mir unterhalten wollten. Mit Lehrern möchte ich gar nicht erst in Verbindung gebracht werden. Ich hab auch schon mit einem Edding heimlich an die eine Mauer der Schule geschrieben: Lehrer sind voll uncool. Bis auf den Praktikanten. Natürlich gehe ich nie auf die Lehrertoilette, sondern auf die für die Schüler, allerdings seit letztem Mittwoch extra auf die für die fünften Klassen, damit mein Zauberstab eindrucksvoller wirkt. Auf der Toilette für die Oberstufe wurde ich schon mehrmals herablassend angeschaut.
Dienstag, 17. August 04

Heute kam ich beim Hospitieren in eine missliche Lage, als in der Französischstunde der 9a ein Test geschrieben wurde und mich die Schülerin neben flüsternd bat, ich solle ihr verraten, ob avoir honte que den Subjonctif nach sich ziehe oder nicht. Ich geriet ins Schwimmen, da ich die Frage nicht beantworten konnte. Woher sollte ich das auch wissen? Ich hatte das doch seit der Schule nicht mehr gehabt. Jetzt zu spekulieren und dann die falsche Antwort zu geben, wäre fatal. Schließlich wollte ich in der Klasse noch unterrichten. Erfuhren die Schüler aber bereits im Voraus, dass ich Fehler machte, dann verloren sie schon jetzt jeden Respekt vor mir. Ich liebäugelte mit der Option, ihr zu antworten, ihre Frage gehöre nicht zum Thema. Das klang aber zu lehrerhaft. Damit würde ich mir gleich alle Sympathien verspielen. Darum reagierte ich scheinbar hilfsbereit mit deutlich gesprochenen Bemerkung: „Was soll ich Dir verraten?“ Dass die Schülerin darauf ihren Zettel abgeben musste und eine 6 erhielt, durfte sie eigentlich nicht mir ankreiden, sondern der übertriebenen Strenge des Lehrers. Ich hatte mich schließlich bemüht.
Mittwoch, 18. August 04

Heute war es mir leider nicht möglich, in die Schule zu gehen. Mir kam etwas Wichtiges dazwischen: das Einzelzeitfahren der Radfahrer bei den Olympischen Spielen. Das musste ich mir unbedingt anschauen. Schließlich hatte Jan Ullrich sich vorgenommen zu gewinnen und wenn sich Jan Ullrich etwas vornimmt, dann schafft er es auch, was sich dieses Jahr wieder mal in der Tour de France erwiesen hat. Ullrich hatte keine Lust, schon wieder Zweiter zu werden und da ist er eben Vierter geworden. Da musste ich mein Praktikum natürlich erst mal zurückstellen. Das Rennen der Männer wurde zwar erst ab 14 Uhr übertragen, aber ich loggte mich schon ab 8 Uhr morgens auf www.janullrich.de ein, um die ganze Zeit über bis zum Rennen am Monitor zu bleiben und aufzupassen, ob es von Jan einen neuen Eintrag gab. Gab es nicht. Alles lief also nach Plan. Um wenigstens ein bisschen was für mein Praktikum zu machen, habe ich das Rennen protokolliert. Im Grunde unterscheidet sich das auch nicht von einem Hospitationsprotokoll. Das Protokollieren muss wohl jemand Jan mitgeteilt haben und er darauf, weil er sich beobachtet fühlte, nervös geworden sein. Sonst wäre er nie nur Siebter geworden. Ich hoffe immer noch, dass die sechs, die vor ihm platziert waren, des Dopings überführt werden und er nachträglich auf den ersten Platz hochrutscht.
Donnerstag, 19. August 04

Heute habe ich Daniel kennen gelernt. Einen Referendar für Sport und Mathe, der es mir dank seiner Jogginghose, seinen Asics-Schuhen und seiner rational-ökonomischen Rhetorik leicht machte, seine Fächerkombination zu erraten. Als angehender PW-Lehrer müsste ich eigentlich ein Fuck-Fascism-Emblem mit einem Hakenkreuz, welches in einen Mülleimer geworfen wird, auf meinem Rucksack tragen. Und zum Frühstück Baguette, Camembert und Rotwein im Lehrerzimmer auspacken, Indizien für mein anderes Fach. Aber ich möchte es meinen Mitmenschen nicht so leicht machen. Ich bin eher so ein geheimnisvoller Typ. Die andern sollen ruhig ein bisschen grübeln, woran sie bei mir sind. Manchmal locke ich sie sogar auf eine falsche Fährte. So in den ersten Tagen, als ich dauernd mit farbbeklecksten T-Shirts in der Schule erschien. Sie sind doch sicherlich der neue Referendar für Kunst!, wurde spekuliert. Und als ich dann offenbarte, PW und Französisch zu unterrichten, gab es immer ein großes Hallo: „Das sieht man Ihnen aber gar nicht an.“ Gerade im Lehrerberuf ist es wichtig, immer für Überraschungen gut zu sein.
Freitag, 20. August 04

Heute habe ich mich das erste mal gestritten. Und zwar mit dem Referendar Daniel. Der Grund: sein gelbes Charity-Armband. Dieses Armband wurde nach weit verbreiteter Meinung von Lance Armstrong erfunden. Nur wenige Leute wissen, dass ich zum Beispiel schon 1987 Yvonne Schaaf aus meiner Grundschulklasse ein Armband aus gelben Plastekügelchen geschenkt habe. Besseres Material konnte ich mir damals nicht leisten. Armstrong macht hingegen heute mit seiner Scheininnovation großen Reibach, indem er die Erlöse des Verkaufs durch seine vermeintliche Krebsstiftung schleust. Ich hab als kleiner Junge meine Behinderung auch nicht so schamlos ausgenutzt und zum Beispiel Schnürsenkel für meine Klumpfußstiftung auf den Markt gebracht, obwohl die Schnürsenkel damals sicherlich weggegangen wären wie warme Semmeln. Von Daniel wollte ich wissen, ob er es nicht als sehr illoyal gegenüber Jan Ullrich empfinde, ausgerechnet Merchandise-Produkte seines größten Konkurrenten zu kaufen: „Nee! Wieso? Letztes Jahr, als Ullrich gut war, war ich ja für ihn. Nur dieses Jahr, als er nicht so gut war, war ich für Lance Armstrong.“ „Das ist total unverantwortlich von einem Lehrer, mit so einem Band rumzulaufen. So die Schüler zu indoktrinieren! Wie sollen sie da lernen, eine kritische Haltung gegenüber Amerika einzunehmen?“ Er stellte sich total stur. Mehr noch als das verfassungsfeindliche Symbol am Handgelenk störte mich sein Verrat an Jan Ullrich. Wie er sich so mir nichts dir nichts auf die Seite des Amerikaners stellen konnte, dass erinnerte doch sehr an den Dolchstoß, mit dem die Politiker von SPD, Zentrum und Fortschrittspartei am Ende des 1. Weltkriegs den tapferen deutschen Soldaten in den Rücken gefallen waren und uns so den Sieg geraubt hatten.
3.Teil: Lolita